Impulse für Inverted Classroom

Am 17. und 18. 2. fand an der Philipps-Universität Marburg die vierte Konferenz „Inverted Classroom and beyond“ mit 150 Teilnehmenden statt. Prof. Jürgen Handke, ein Geburtshelfer des Projekts Inverted Classroom an der FH St. Pölten und sein Team, hatten ein vielfältiges Programm mit spannenden ReferentInnen zusammengestellt. Hier einige der Eindrücke von Johann Haag (Hochschulmanagement, stv. Kollegiumsleiter; Studiengang IT-Security) , Alexandra Haupt (Studiengang Diätologie und sehr aktive ICM-Umsetzerin) und Christian F. Freisleben (SKILL, Verantwortlicher für das ICM-Projekt), die diese Konferenz gemeinsam besucht haben (Bilder, Tweets und Links finden sich in diesem storify):

Am Anfang stand ein Besuch in Prof. Handkes Büro, in dem er auch seine Videos für den Virtual Linguistic Campus und damit seine Lehrveranstaltungen produziert. Er demonstrierte wie einfach sich Videos herstellen lassen. Er verwies auf folgende grundsätzliche Möglichkeiten:

  • Micro-Teaching: sehr kurze Videos z. B. zu Definitionen und Demonstrationen. Gefilmt wird z. B. die Herleitung einer Formel, dazu reicht letztlich ein Zeichentablet und eine Screenrecording-Software aus.
  • Macro-Teaching: also E-Lectures bzw. Interviews
  • Aufzeichnungen von Lehrveranstaltungen, wobei es wichtig ist, bewusst bestimmte Teile auszuwählen oder klare „Unterkapitel“ zu schaffen, zu lange Videos sind ungünstig.

Die Hauptzielgruppe des ersten Tags der Konferenz waren LehrerInnen aller Schulformen. Die Key Lecture „Lehr- und Lerntechnologien – Anspruch und Realität“ kam von einem fulminant agierenden Dr. Michael Kirch (Ludwig-Maximilian-Universität München). Er verwies zunächst darauf, dass es beim Wort „Lerntechnologien“ um Aspekte geht wie Lehrmittel, -medien, -materialien, -tools und dabei immer die Frage zu stellen ist, welche Rolle die Didaktik spielt. Der Unterschied zwischen „alten“ und „neuen“ Technologien sei letztlich nicht so groß wie angenommen: Ein Abakus kann etwa auch auf einem Tablet dargestellt und bedient werden. Digitale Medien würden den Lernraum erweitern.

An deutschen (und wohl auch vielen österreichischen) Schulen fehlt es oft an grundsätzlichen Rahmenbedingungen, um digitale Chancen zu nutzen – wobei dies oft leider auch für viele tertiäre Bildungseinrichtungen gilt: kein oder nur sehr eingeschränkt funktionierendes WLan, zu wenig frei zugängliche Computer, Verbote statt gut vorbereiteter Konzepte zur Nutzung sozialer Medien…

Kirch betonte, dass die Nutzung digitaler Medien eng mit der Organisationsentwicklung von Schulen (oder eben Universitäten) verwoben ist, und u. a. das differenzierte, inklusive Vorgehen unterstützt bzw. mit der Umgestaltung von Lernräumen zusammenhängen muss, die selbstorganisiertes sowie kooperatives Vorgehen unterstützten. Digitale Medien gehören längst zum Alltag von Kindern ab dem ersten Lebensjahr (siehe dazu diesen Beitrag zu digitalen Chancen im Kindergarten). In der Schule / Hochschule / Universität würde diese Realität bei weitem nicht berücksichtigt geschweige deren Chancen genutzt – etwa auch als Beitrag zum Lernen im eigenen Tempo, wichtige Feedbackmöglichkeit und Chance für Partizipation bei der (Weiter)Entwicklung von Lerninhalten. Damit dies gelingt, brauchen auch Lehrende Weiterbildung, Unterstützung und fördernde Rahmenbedingungen.

In einem darauf folgenden Workshop gab Kirch den Auftrag an die Teilnehmenden, den „idealen Lernraum“ zu zeichnen. Er fotografierte Ergebnisse mit dem Tablet ab und zeigte sie dann sofort via Beamer („auch eine Wertschätzung entstandener Ergebnisse“). Dabei betonte er die vielfältigen Möglichkeiten, die Tablets bieten: von Kamera, Tonaufnahmetool über Stimmgerät und Kompass bis hin zu Gamification, also Spiele, die das Lernen noch intensiver unterstützen.

Eine sehr empfehlenswerte Zusammenfassung (siehe diese Aufzeichnung) zum Thema inverted classroom von Prof. Handke eröffnete die Key Lectures am zweiten Tag, dessen Zielgruppe stärker der tertiäre Bildungsbereich war. Besonders betonte er die Vielfalt, die das Inverted Classroom Modell bietet, die weit über den Einsatz von Lehrvideos hinausgehen soll. Besonders wichtig seien auch Veränderungen im Hörsaal, wo es ebenso Methoden braucht, die Dialog und Kollaboration fördern. Auch er betonte die Wichtigkeit der Veränderung von Lernräumen, die dialogische Lernsettings fördern bzw. zumindest zulassen.

Johann Haag berichtete im Anschluss (siehe diese Aufzeichnung) von der österreichischen Fachhochschullandschaft sowie der „Strategie 2017“ der FH St. Pölten. Er betonte die Bedeutung einer Strategie, um innovative Lehr- und Lernformen wie das ICM mit Leben zu erfüllen und den Rahmen dafür zu schaffen, dass mehr als engagierte Einzelinitiativen mit Inselstatus möglich werden. An der FH St. Pölten umfasst diese Strategie u. a. ausführliche Vorbereitungsarbeit, den Rückhalt durch Kollegiumsleitung und Hochschulmanagement, die Arbeit eines Zentrums für Hochschuldidaktik (SKILL), eine eigene Halbtagsstelle für das ICM, technische Ausstattung, Evaluation von Lehrveranstaltungen und Forschung. Er stellte verschiedene Beispiele vor wie das ICM in der Lehre oder auch für andere Bereiche wie die interne Informationsarbeit genutzt wird und betonte, dass aufbauend auf die ersten Erfolge noch weitere Schritte nötig sind. Die Vision ist, dass jede/r Studierende/r der FH pro Semester eine Lehrveranstaltung besucht, die nach den Prinzipien des ICM gestaltet ist.

Prof. Claudia de Witt (FernUniversität Hagen) wies auf die Bedeutung des mobilen Lernens hin – insbesondere in Feldern wie verstärkten Dialog mit Lernenden, der bewussteren Wahrnehmung verschiedener Außenwelten z.B. durch augmented reality. Große Potentiale für mobiles Lernenm gibt es auch in Lernformen, an denen ExpertInnen von außen eingebunden werden bzw. bestimmte Anteile via Live-Online-Übertragungen auch für Außenstehende zugänglich sind oder eine Form des Lernens darstellen (z. B. Webinare).

Dr. Malte Persike (Johannes Gutenberg – Universität Mainz) (siehe diese Aufzeichnung) präsentierte die sehr gut beforschten Ergebnisse zu Inverted Classroom seiner Universität. Ausschließliches Online-Lernen würde demnach zu schlechteren learning outcomes führen. Erst eine wirklich gut überlegte Gesamtstrategie ermöglicht, dass das ICM seine Stärken ausspielen kann. Beispielsweise könnten bewusst kurze Videos ergänzt mit vielfältigen Vorbereitungsaufgaben sowie Formen von Assessment (u.a. Quiz) und umfassendem Einsatz von Peer Learning und -assessment, dialogorientierter Gestaltung von Präsenzphasen (siehe dazu auch die Zusammenfassung des Workshops von Christian F. Freisleben) ein sinnvolles Grundmodell sein. Persike betonte zudem, dass der Blick alleine auf die Noten zu kurz gefasst ist, da das ICM verschiedene sehr wichtige Kompetenzen schult und stärkt wie etwa Kooperation, Kollaboration, selbstorganisiertes Vorgehen, Selbstwirksamkeit sowie die Fähigkeit zu vernetztem Denken und Handeln.

Eine wichtige Rolle können gerade bei Lehrveranstaltungen mit mehr als 80 Teilnehmenden TutorInnen spielen (wie ein Workshop am Nachmittag deutlich zeigte): Diese begleiten Studierende nicht nur bei der Vorbereitung auf Präsenzphasen, in diesen ermöglichen sie gemeinsam mit dem/der DozentIn eine individuelle Vorgangsweise sowie dialogorientierte Methoden.

Sehr bereichernd waren auch viele Pausengespräche mit intensivem Austausch mit anderen, die das ICM umsetzen. Deutlich zeigt sich dabei die große Vielfalt und das Potential dieses Modells. Gleichzeitig sichtbar wird, wie wichtig ein koordiniertes Vorgehen, die Unterstützung sowohl von Lehrenden als Lernenden ist.

So freuen wir uns schon sehr auf einen weiteren intensiven Austausch zum Thema – etwa auch über den #icmchatde, ein digitales Treffen jeden zweiten Montag im Monat mit ExpertInnen – und die Vorbereitungen auf die nächste ICM-Konferenz, die am 23. und 24. 2. 2016 an der FH St. Pölten stattfinden wird, mitgetragen von der Uni Marburg, der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich und dem Forum Neue Medien Austria.

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Author: cfreisleben

FH St. Pölten SKILL / Projekt inverted classroom Berater, Referent, Trainer, Journalist www.cfreisleben.net

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