Die Umsetzung des Inverted classroom Modells im Fach Physiotherapie in der Orthopädie-Wirbelsäule

Nach dem Match ist vor dem Match –

Auch für NICHT-Fußballer passt der Vergleich manchmal doch – vom anstrengenden Training, über den motivierten Beginn eines Matches bis zum Eigentor und dem Vorsatz, sich für die nächste Saison noch besser vorzubereiten, passt alles ganz gut auch zu einem Wechsel in das Inverted Classroom Modell.

Hochmotiviert habe ich (Andreas Stübler) im letzten Sommer die Lehrveranstaltung geplant. Es sollte endlich mehr Zeit und Raum für Fallbeispiele und praktisches Üben vorhanden sein. Gleichzeitig war es das Ziel, die Studierenden vermehrt in die Entwicklung der Lehrveranstaltung einzubinden, den Dialog zu fördern und die berufsspezifischen Kompetenzen problemlösungsorientiert zu entwickeln. Mit Unterstützung der Abteilung SKILL wurde ein neues Design der Lehrveranstaltung entworfen – Danke für die Unterstützung.

Die zentrale Säule der Veränderung war eine umfassende Anleitung und Führung durch die Lehrveranstaltung über den eCampus. Die zentrale Idee in der Umsetzung war die optimale Nutzung der vorgesehenen Zeit für das Selbststudium im Sinne des ECTS Modells. Für die gesamte Lehrveranstaltung hatte ich 25 Vollstunden zur Verfügung.

In der ersten LV nahm ich mir relativ viel Zeit, den Ablauf der LV zu erklären. Mein Fokus war darauf ausgelegt, dass mehr Zeit für das praktische Erarbeiten bleiben sollte – damit wurde gleich zu Beginn bei den Studierenden eine hohe Erwartungshaltung geschürt.

Die Aufgaben, die für die Studierenden zu bewältigen waren, waren das Erlernen von theoretischen Inhalten über Videos, Vorträgen, Fachartikel oder aus dem Skriptum und die Ausarbeitung von praktischen Inhalten (schon erlernte Techniken sollten an Hand von Fallbeispielen korrekt eingesetzt werden). Beide Aufgabenstellungen wurden in der Präsenzlehrveranstaltung in Form von peer teaching Gruppen gemeinsam bearbeitet und diskutiert. Für viele praktische Techniken und Behandlungsansätze wurde eine Videolinkliste erstellt. Insgesamt wurden in den 24 LV Einheiten 10 Paper Cases bearbeitet und besprochen.

Auch in der Beurteilung der LV, für die eine abschließende Prüfung vorgesehen ist, wollte ich neue Wege gehen, die dem Aspekt des Lernens über das gesamte Semester hin, Rechnung tragen sollte. Deshalb wurden konkret zwei Aufgaben so gestaltet, dass die Studierenden dafür Punkte für die Endnote erreichen konnten.

Eine Aufgabe bestand darin, einen Befund eines Patienten/einer Patientin zu erstellen und diesen am eCampus hochzuladen. Der Befund wurde per Zufall über das Workshop-Tool an zwei KollegInnen zum Peer Review weitergeleitet. Durch die ReviewerInnen wurde der Befund quantitativ (gemeinsame Beurteilung durch den LV Leiter und die ReviewerInnen – jeder konnte 3 Punkte vergeben, das arithmetische Mittel wurde zur Endnote angerechnet) sowie qualitativ beurteilt. Die qualitative Beurteilung wurde wiederum durch den LV Leiter beurteilt. Der Arbeitsaufwand für den LV Leiter war in diesem Bereich relativ hoch, da einerseits 40 Befunde gelesen und beurteilt werden mussten und zusätzlich rund 80 qualitative Beurteilungen der StudentInnen.

Die zweite Aufgabe, für die Punkte für die Endnote erreicht werden konnten, war eine Beteiligung im Forum am eCampus. Für die Punktevergabe wurde eine genaue Aufgabenstellung zur Verfügung gestellt, in der dargelegt wurde, für welche Beteiligungen man welche Punkte erreichen kann. Insgesamt wurden im Forum im Laufe des Semesters rund 180 Einzelkommentare abgegeben.

Die Endprüfung bestand aus einem Paper Case und einer kurzen theoretischen Frage.

Reflexion

Aus meiner Sicht konnte das prinzipielle Ziel, mehr Raum für praktisches Arbeiten zu haben, erreicht werden. Im Vergleich zu den LV´s der letzten Jahre konnte die Zeit für praktisches Erarbeiten der LV Inhalte (paper case, Diskussion, Übungen gemeinsam erarbeiten, Therapiemanagement, etc.) um rund 50% gesteigert werden. Der Arbeitsaufwand war jedoch auch um mindestens diesen Prozentsatz höher.

Schon Prof. Handke hat am Tag der Lehre angemerkt: „Wenn Sie ICM anwenden, verabschieden Sie sich von guten Beurteilungen im Feedback.“ Die Expertenmeinung ist voll eingetroffen. Ich hatte in den letzten 4 Jahren noch nie eine so „durchwachsene“ Evaluierung. Interessanterweise wurde vor allem die Tatsache bemängelt, dass es zu wenig Zeit für praktisches Arbeiten gegeben hätte (wie oben beschrieben, jedoch um rund 50% mehr als in den letzten Jahren, was die Studierenden allerdings nicht wissen konnten). Ein etwas schmerzlicher Evaluierungsdialog wurde geführt, in dem auch das Forum als Möglichkeit, sich Punkte für die Endprüfung zu erarbeiten, massiv kritisiert wurde. Interessanterweise wurde darauf hingewiesen, dass viele KollegInnen nur posten würden, um Punkte zu sammeln. Diese Einschätzung kann ich nicht teilen, da ich alle Postings gelesen habe und die meisten inhaltlich verwendbar waren. Darüber hinaus wurden rund 20 Videolinks und ungefähr gleich viele Artikel-Links gepostet, die zu den Inhalten der LV gepasst hatten. Diskussionen zur Ethik in der Physiotherapie und zur Notwendigkeit der Aufklärung der PatientInnen wurden geführt, für die normalerweise im Rahmen der LV keine Zeit zur Verfügung steht.

Das Schreiben und vor allem das Lesen verschiedener Befunde wurden von den Studierenden als sehr hilfreich empfunden. Kritisiert wurde jedoch die Vorgabe, neben der qualitativen Beurteilung auch Punkte vergeben zu müssen (Studierende wollten KollegInnen nicht bewerten).

Mehrere Studierende äußerten sich in Ihrem Feedback zur Idee des ICM sehr positiv.

Ausblick

Ich meine nach wie vor, dass das ICM eine sehr gute Möglichkeit ist, eine LV in Richtung partizipatives Lernen zu entwickeln und dieses Modell auch der rasanten Entwicklung des verfügbaren theoretischen Wissens mit ausreichend praktischen Anwendungsmöglichkeiten zu verbinden, entgegen kommt.

Ich werde meine Lehrveranstaltung nochmals überdenken und umplanen und in jedem Fall weitere Theorievideos erstellen. Ach ja – und eines werde ich den StudentInnen auf keinen Fall mehr sagen – nämlich, „dass mehr Zeit für praktisches Arbeiten zu erwarten ist“.

In diesem Sinne – nach dem Spiel ist vor dem Spiel – das nächste Wintersemester kommt bestimmt.

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Author: Redaktion

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