„Vom Kosovo nach Noricum“ – erfolgreiches Ars Docendi Projekt Noricum an der FH St. Pölten

Ein Beitrag von FH-Prof. Dr. Florian Buchner als Teil der Blogreihe im Vorfeld des 4. Tag der Lehre an der FH St. Pölten am 15. 10. 15

Vom Kosovo nach Noricum

Es ist eiskalt, ein Schneesturm fegt über die Straße, es ist halb drei Uhr in der Früh, ich stehe mit meinem Koffer auf der Hauptstraße und die Kälte fährt mir in die Glieder – Januar 2000 in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo – und ich frage mich wieder einmal, ob es notwendig war, sich auf ein solches Projekt einzulassen: Für die WHO in einem Land, soweit man den Kosovo zu diesem Zeitpunkt als Land bezeichnen kann, in dem erst ein halbes Jahr zuvor der Kosovokrieg endete. Ich bin gerade aus einem Bus gestiegen, aus Skopje kommend, der Hauptstadt von Montenegro, wo unser Flugzeug landete, da es in Pristina aufgrund des Schneesturms nicht landen konnte. Eine abenteuerliche, beschwerliche Fahrt über die verschneiten Berge, vorbei an Panzern, in verrauchten Bussen, nicht genau wissend wo und wie die Fahrt enden würde …

Es soll hier aber gar nicht um den Kosovo gehen, auch wenn es dazu noch eine Menge Interessantes zu berichten gäbe, sondern um Noricum, ein Phantasieland, für das die Studierenden des Studiengangs Gesundheitsmanagement an der Fachhochschule Kärnten jedes Jahr von neuem ein Gesundheitssystem entwickeln – und darum, wie das Plan- und Rollenspiel „Noricum“ eigentlich entstanden ist. Und die Geburtsstunde von „Noricum“ liegt irgendwann in dieser Zeit, im Januar / Februar des Jahres 2000. Das Projekt im Kosovo war am Ende recht erfolgreich, die Vorschläge, die wir in einem Gutachten zum Zuzahlungssystem (Selbstbehalte) für das Gesundheitswesen im Kosovo entwickelten, wurden unmittelbar so ins Gesetz übernommen. Und aus diesem Projekt ist dann irgendwann die Idee entstanden, dass Studierende nicht nur ein Zuzahlungssystem entwickeln könnten sondern gleich ein ganzes Gesundheitssystem, in einem Rollenspiel über ein ganzes Semester hinweg, durch bilaterale oder multilaterale Verhandlungen, durch Gesetzgebung und das Schließen von Verträgen – also das Kosovoprojekt „in ganz Groß“, aber in Form eines Spiels, also „ganz ohne Risiko“. Nein, nicht ganz ohne Risiko – Scheitern kann man auch im Spiel, und das ist wichtig, auch oder gerade im Spiel.

Es soll also darum gehen noch einmal Revue passieren zu lassen, wie das Grundkonzept von „Noricum“ entstanden ist, wie mein Kollege Uli Frick und ich uns entschlossen haben, das Projekt einer Lehrveranstaltung „Entwicklung eines Gesundheitssystems“ in Angriff zu nehmen. Es hat tatsächlich zwei Köpfe gebraucht um sich an diese herausfordernde Aufgabe heranzuwagen: ich selbst hatte die Idee schon lange im Kopf, hielt sie aber für viel zu kompliziert, während mein Kollege fest davon überzeugt war, dass das machbar wäre. Und er sollte Recht behalten. Allerdings waren auch meine Zweifel nicht unberechtigt und so war am Ende viel Engagement, viel Zeitaufwand und zahlreiche Diskussionen notwendig um im Curriculum einen Platz für die Veranstaltung zu finden und vor allem um „Noricum“, benannt nach einem keltischen Königreich zu Zeiten der Römer, das unter anderem das Gebiet des heutigen Kärnten und damit die Heimat der meisten unsere Studierenden umfasste, auf Schiene zu setzen.

Natürlich wird es auch darum gehen, wie das Spiel eigentlich funktioniert, nur dann sind Entstehungsgeschichte und Entwicklung verstehbar. Es werden also die einzelnen Phasen des Spiels dargestellt, die Rollen, die die Studierenden einnehmen, die Rolle der Lehrenden in den einzelnen Phasen, Überlegungen, was die Studierenden lernen können und sollen.

Es soll auch darum gehen, wie das Planspiel seit seiner Einführung weiterentwickelt wurde, welche Schwerpunkte gesetzt wurden und werden, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Teamteaching ist wichtiger Bestandteil des Lehrkonzeptes, zwei Lehrende begleiten die Studierenden bei der Entwicklung des Gesundheitssystems – und lassen die Studierenden auch gemeinsam alleine. Wie funktioniert das, welche Probleme treten auf? Die Zusammensetzung des Teams hat sich im Laufe der Jahre geändert, da mein Kollege die Hochschule verlassen hat – und damit hat sich auch die Ausrichtung verschoben aufgrund der anderen fachlichen Ausrichtung des Kollegen, der inzwischen „Noricum“ mitveranstaltet.

Es geht auch darum mit Ihnen zu diskutieren, weiterzudenken, sich auszutauschen: Was kann man aus den sechs Generationen „Noricum“ lernen? Haben Sie Ideen, von denen „Noricum“ profitieren kann, wie es sich weiterentwickeln kann? Haben Sie ein ähnliches Konzept, Erfahrungen, die wir teilen oder diskutieren können? Würden Sie gerne etwas Ähnliches entwickeln? Wie geht man an so etwas heran? Wo liegen möglicherweise große Hürden? Wie kann man sicher gehen, dass ein solches Spiel „funktioniert“? Solche und ähnliche Fragen würde ich gerne mit denjenigen, die Freude und Interesse daran haben, diskutieren.

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Author: Wolfgang Gruber

Gruber Wolfgang (Mag. phil.) , geb. 1979 in Schärding, studierte Geschichte an der Universität Wien. Seine Schlüsselqualifikationen liegen in Globalgeschichte / Game Based Learning/ Simulationen / Rollenspiele und der Hochschuldidaktik. Seit 2009 ist er Universitätslektor an der Universität Wien und an der Universität für Bodenkultur, seit 2012 Trainer für Hochschuldidaktik an der Universität Wien, der Universität Innsbruck und der Fachhochschule Technikum Wien und seit 2012 Mitarbeiter im Service- und Kompetenzzentrum für Innovatives Lehren und Lernen der Fachhochschule St. Pölten.

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