Zusammenarbeit digital unterstützt

Dokumentation des Einsatzes von „intelligenten Stiften“ zur Unterstützung u. a. von Zusammenarbeit, Dialogorientierung, Brainstorming und ansprechender Visualisierung in einer Lehrveranstaltung im Studiengang Medienmanagement. EIn Beitrag von Johanna Grübelbauer und Christian F. Freisleben.

we-inspire ist ein Spin-off des Media Interaction Lab der Fachhochschule Oberösterreich und wurde 2013 gegründet. Im Februar 2016 wurde das StartUp an die Firma Anoto verkauft. Jakob Leitner, Absolvent des Studiengangs Medientechnik und -design an der FH Hagenberg, hatte mit seinen KollegInnen eine spezielle Folie mit einem Punktmuster entwickelt. Dieses Muster kann auf Papier gedruckt werden oder auch eine ganz Wand bedecken – geschrieben wird darauf mit Stiften mit einer integrierten Kamera, die mithilfe des Musters die aktuelle Position synchron millimetergenau mitverfolgt.

Alles Geschriebene und Gezeichnete wird also digital aufgezeichnet – wobei auch mehrere Stifte gleichzeitig im Einsatz sein können. Dazu wurde eine Software entwickelt, die dabei unterstützt, das Entstandene sehr schnell organisieren, bearbeiten und speichern zu können. Jakob Leitner stellte – nach einem Besuch eines Showrooms von Johanna Grüblbauer (Studiengang Medienmanagement) und Christian F. Freisleben (SKILL) der FH St. Pölten 10 Stifte zur Verfügung um einen Test umzusetzen, der sehr vielversprechend lief. Dabei haben wir nur einen Bruchteil der Möglichkeiten des Systems genutzt.

In der Lehrveranstaltung „Content Management und Medienproduktion“ des Masterstudiengangs „Media Management“ an der 10 Studierende teilnehmen wurde zum Zeitpunkt des Tests zum Thema „Content als Kernkompetenz“ gearbeitet, als Beitrag zum Teilziel  der Lehrveranstaltung, Content-Architekturen im Kontext unterschiedlicher Geschäftsmodelle zu verstehen.

Wichtige Ziele der Lehrveranstaltung sind:

  • Studierende verstehen, dass Produkte – wie traditionelle Medienangebote – aus der Kernkompetenz eines Unternehmens entwachsen und nur die aktuell sichtbare Variation der Kompetenzen bzw. Kernprodukte, also sich zyklisch verändernde Produkte eines Unternehmens sind –> Stichwort Digital Shift.
  • (Social) Media Monitoring: Studierende wissen um die Bedeutung des „Messens und Wägens“ für das Management von Content in Unternehmen (Stichwort datenbasiertes Management) und kennen Entscheidungskriterien für die Auswahl von dafür notwendigen Tools.
  • Prüfungsvorbereitung: Studierende sollen Lehrveranstaltungsinhalte zu möglichen praxisnahen Fragen selbständig umformulieren können, um die praktische Relevanz des Gelernten zu hinterfragen und Inhalte beim Lernen für sich erschließen zu können.

IMG_2409Die we-inspire Software wurde auf dem SKILL-Laptop installiert sowie dieser an einen Beamer angeschlossen. Zunächst wurden die Stifte genutzt, um verschiedene Medienunternehmen unter die Lupe zu nehmen. Ausgehend von einem Input zum Baum-Modell von Prahalad/Hamel (C.K. Prahalad and Gary Hamel (The Core Competence of the Corporation. In: harvard business review,  may–june 1990), siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkompetenz#nach_Prahalad.2FHamel) setzten die Studierenden das Prinzip des Baums in Case-Studies um. Einige skizzierten dabei selber einen Baum, andere arbeiteten textbasiert. Umgesetzt wurde so auch ein wichtiges Grundprinzip von innovativen didaktischen Designs: Das Anwenden von Wissensinhalten auf ein praktisches Beispiel sowie die gemeinsame Diskussion dazu.

IMG_2298Gegen Ende der Vorbereitungsaufgaben für die Präsentation begannen die Studierenden, auch verschiedene Funktionen der Software zu analysieren: Zum einen waren immer alle Blätter, an denen gearbeitet wurde sichtbar und einige ließen die Sichtbarkeit an, so dass der gesamte Entstehungsprozess der Vorbereitung von Präsentationen verfolgbar war. Mit Hilfe der Präsentationstechnologie für die kollaborativen Erarbeitungen können nun einzelne „Papiere“ unterschiedlicher Formate digitalisiert und präsentiert werden. Durch selektive Vergrößerung werden einzelne Arbeiten  in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Weiters können verschiedene Blätter in Ansichten kombiniert werden. Blätter können zudem gedreht und gesamte Inhalte kopiert und in andere Blätter übertragen werden. Eine sehr schnelle und interaktive Form, um paper based Einzelarbeiten sichtbar zu machen, wobei während der Präsentation unmittelbar noch von jedem Ort des Raumes aus Inhalte ergänzt werden können.

Bei der Vorstellung der Ergebnisse erstellte jeweils eine zweite Studierende auf einem kleinen bunten Blatt parallel eine stichwortartige Zusammenfassung (Agenda). Dieser Notizzettel wurde neben dem Ergebnisblatt eingeblendet, wie gesagt eine Funktion, die von den Studierenden zuvor selbst entdeckt und nun praktisch angewendet wurde. So entstand eine pointierte Metaebene, die stark durch den Effekt gewann, dass die Notizen nach und nach für alle sichtbar entstanden. (Link zu den Ergebnissen als pdf)

Während der Präsentationen entstand zudem spontan ein kleiner bunter Zettel, der von mehreren Studierenden gemeinsam bearbeitet wurde, um die Funktion der Stifte noch intensiver auszuprobieren.

IMG_2313In einer weiteren Phase lautete der Auftrag an die Studierenden, mit Hilfe der Stifte auf neuen Zetteln aus deren Sicht für eine Abschlussprüfung relevante Ergebnisse zu sammeln sowie sich mögliche Prüfungsfragen zu überlegen. Ein weiteres schönes Beispiel, wie student centered teaching umgesetzt werden kann. Denn nötig war für diesen Schritt ein gemeinsames Durchsehen aller Materialien sowie von Johanna Grüblbauer eingesetzten Power Point Folien. Weiters die Übertragung wahrgenommener Inhalte auf eine anstehende Assessmentsituation. Durch den Einsatz der Stifte waren die Ergebnisse wieder sofort sichtbar, wobei eine Gruppe eine Zeitlang außerhalb des Raums arbeitete, um das „Nachsynchronisieren“ zu erleben: Die Stifte speichern Geschriebenes dann ab, wenn die Verbindung verloren geht – zurück im Raum wird diese wiederhergestellt und auf den projizierten Blättern erscheint nach und nach in sehr kurzer Zeit das Gespeicherte.

IMG_2402Zuletzt wurden die Studierenden gebeten, auf kleineren bunten Zetteln Einsatzideen für diese Technik Studium zu sammeln (Link zu den Ergebnissen als pdf). Auch hier bewährten sich die Stifte als schnelle und agile Brainstorming- sowie Präsentationsform. Zusätzlich mündlich verstärkt bzw. ergänzt wurden als Ideen:

  • Sofort (oder am Ende der Präsentation) für alle sichtbare und ergänzbare Frage- sowie Kommentarfunktion während Diskussionen und Präsentationen
  • (Zusammenfassende / ergänzende) Notizen von Lernenden für alle im Raum sichtbar machen – wobei als möglicher Vorteil genannt wurde, dass diese bis zu einem gewissen Grad auch anonym erfolgen können und so Personen motiviert werden können sich einzubringen, die sich sonst eher zu den „Stillen“ gehören
  • Wie bei der Lehrveranstaltung umgesetzt: Eine zweite Person visualisiert „Highlights“ bzw. zentrale Punkte live während einer Präsentation
  • Dokumentation von (Klein)Gruppenarbeiten, die auch in ganz anderen Räumen bzw. als Vorbereitung für den Kurs im Selbststudium stattfinden können
  • Live-Ergänzungen bei Präsentationen an Folien, Zeichnungen, Gleichungen, Flow Charts, Mind Maps…
  • Im Rahmen von didaktisch innovativen Szenarien wie dem Inverted Classroom Modell können Vorbereitungsarbeiten noch eine intensivere Qualität bekommen bzw. unterstützt das System das Entstehen von „Artefakten“, also von Ergebnissen, die sowohl synchron unmittelbar als auch asynchron – also in Selbstlernphasen – zur Verfügung stehen
  • Die Studierenden betonten weiters die spannende Kombination aus mit der Hand schreiben sowie zeichnen und die unmittelbare Digitalisierung

Aus didaktischer Sicht sind dabei noch folgende Aspekte ergänzenswert:

  • Dadurch dass Ergebnisse einzelner Studierender direkt via Beamer oder eben einer we-inspire Wand sichtbar werden, kann Interaktion und Kooperation in vielen Phasen noch unmittelbarer erfolgen; auch Denk- und Arbeitsschritte werden so leicht nachvollziehbar sowie unmittelbar kommentier- und ergänzbar
  • Wie jedes andere Werkzeug muss der Einsatz gut vorbereitet sein und zu aktuellen Aufgabenstellungen dazu passen

Zu hoffen bleibt, dass der Preis für die Technologie noch sinkt. Kunden sind momentan große Unternehmen wie etwa BMW, Daimler, Lego Procter&Gamble…. Was fehlt sind für Bildungsinstitutionen leistbare Pakete – durch die Kooperation mit Möbelherstellern wie Bene oder Steelcase bestehen hier gute Chancen. Wir werden die Entwicklungen jedenfalls vor allem auch in Bezug des Weges in St. Pölten zum FH Campus der Zukunft im Auge behalten.

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Author: cfreisleben

FH St. Pölten SKILL / Projekt inverted classroom Berater, Referent, Trainer, Journalist www.cfreisleben.net

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