Rückblicke auf den elearning Tag 2016 am FH Joanneum

Wolfgang Gruber und Christian F. Freisleben-Teutscher waren sowohl als Teilnehmer als auch Gestalter einer interaktiven Session beim heurigen E-Learning Tag der FH Joanneum dabei (siehe auch hier die Dokumentation des Tages inkl. Aufzeichnungen).

Hier einige Eindrücke von diesem Tag:

 

Eine dreifache Keynote

Prof. Dr. Wolfgang Renninger (OTH Amberg-Weiden) betonte zunächst, dass „early adobter“ in Bezug auf digitales Lernen / Nutzung digitaler Möglichkeiten viel stärker eine Haltung als eine Beschreibung einer Gruppe ist. Also die Bereitschaft sich mit den Potentialen der neuen Möglichkeiten nicht nur theoretisch zu beschäftigen, sondern auch sie in verschiedenen Lernsettings einzusetzen, zu evaluieren weiter zu entwickeln. Auch wenn das Internet seine Ursprünge in den 1960er Jahren hat (Hintergrund siehe hier) wurden die Grundlagen für eine breitere Nutzung erst Anfang der 1990er Jahre gelegt (u. a. http-Protokoll – siehe hier). Renninger erinnert sich, dass schon fünf Jahre später eine intensivere Nutzung auch in der Lehre begann, wobei die Zahl der Studierenden mit Zugang auch erst ab der Jahrtausendwende stark anstieg (aktuelle Daten).

E-Learning hat demnach zwar eine etwa 20jährige Geschichte und ist aber, wie Renninger bedauert, in Hochschulen teilweise nach wie vor in einem Experimentierstadium (siehe dazu eine Folie von ihm sowie eine ganz aktuelle Studie (2016) zur Situation In Österreich von fnma-Austria). „Nicht notwendig“ oder „Nicht nutzbar“ (siehe auch diese Folie) sind in Bezug auf das Internet in der Lehre nach wie vor eingesetzte Alltagsvokabel. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich ‚Studierende von heute‘ bei weitem nicht alle als digital natives sehen, bzw. diesen Begriff sehr differenziert nutzen (siehe d. Folien und ergänzend das Projekt Non-Liner-Atlas).

Renninger räumte weiters mit dem Mythos auf, digitale Medien würden zu schlechterer Ausdrucksfähigkeit in Wort du Schrift führen. Er zitierte dazu Aussagen aus dem Jahr 1912 (Folie), wo sich Lehrende darüber beklagten, wobei diese Klage schon im antiken Griechenland zu hören war.

Renninger unterstrich, dass „Lernen 2.0“ mehr als ein schöner Begriff sein müsste, eine Haltung die geprägt ist von Förderung von Dialog, Partizipation, forschenden Lernen sowie Unterstützung von verschiedensten Rollen in Lernkontexten.

Er forderte ein Change Management ein, bei dem E-Learning endlich eine strategische Bedeutung bekommt und nicht länger vom Engagement Einzelner ist Er verwies dazu auch auf einen bemerkenswerten Beitrag von Jürgen Handke.

Der zweite Teil der Keynote von Sonja Tautscher (Marketing Stadt Graz, ehemalige Studentin des FH Joanneum) und Gabriele Schwarze (Studiengang Ergotherapie am FH Joanneum) war ohne Zweifel gut gemeint sowie fachlich fundiert und wiederholte leider einige Klischees, die dem vom Renninger angesprochenen Change Management immer wieder im Weg stehen, anstatt es voranzubringen. (Christian F. Freisleben hat dazu einige Überlegungen zu Missverständnissen zu E-Learning zusammengestellt). Nach wie vor wird etwa das gemeinsame Tun in einem physischen Raum als essentielles, unersetzbarer Schwerpunkt von Lernen gesehen. Ist es auch. Und digitale Medien und Kommunikationsmöglichkeiten können dieses Tun vorbereiten, dokumentieren, unterstützen, asynchron nutz- und weiterbearbeitbar machen, um nur einige Aspekte zu nennen. Zwei besonders wichtige Potentiale sind dabei das kollaborative, synchrone Arbeiten an verschiedensten Dateien sowie der Dialog mit Menschen ‚am anderen Ende der Erde‘.

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Erwartungen in 15 Jahren E-Learning

Spannend am Beitrag von Kurt Hoffmann (FH Kufstein) ist zunächst die Art der Präsentation. Die Folien teilweise animiert (im Stil eines Legevideos) und alle eingebunden in ein Video, zu dem er life präsentiert. Es kam dann in der Diskussion die Frage auf, ob so ein Format für eine Lehrveranstaltung sein kann und ob Studierende, „aufmerksamer“ sind, als bei einem klassischen Video. Dazu einige Überlegungen:

  • Ohne Zweifel sind Animationen nicht nur sehr einfach herstellbar und können Zusammenhänge gut sichtbar machen sowie unterstützen Geschichten (im Sinn von Abläufen) zu erzählen – so können sie natürlich auch Teil eines mit Power Point oder Prezi unterstützten Inputs sein
  • Aus unserer Sicht gilt für Videos in Präsenzveranstaltungen noch stärker die „maximal 15 Minuten“ (noch besser 10 Minuten) – Regel
  • Videos eignen sich hervorragend, damit sich Lernende auf selbstständige Aufgaben alleine und in Kleingruppen sowie auf Präsenzphasen vorbereiten können
    • Diese könnten auch Live-Online sein: Also eine Präsentation (mit Animationen) zu der life gesprochen wird
  • In Präsenzphasen ist „Vortrag“ (egal mit oder ohne Video) eine Methode von vielen und braucht darauf aufbauend dialogorientierte Formate
  • Für Präsentierende muss es immer die Möglichkeit geben, das unterstützende Medium zu unterbrechen, um auf Fragen, Reaktionen im Raum eingehen zu können

Hoffmann wiederholte die Forderung nach strategischen Vorgehen zu E-Learning und erwähnte dazu auf einige auch österreichische Leuchtturmprojekte. Er verwies auf die nach wie vor rasant wachsende Zahl an digitalen Werkzeugen, die Lernsettings ergänzen und beleben können. Wichtig ist für ihn, diese bewusst auszuwählen und aktiv einzusetzen. Zu seiner Frage, ob es „virtuelle Lehrende“ braucht, die für uns Lernende Informationen kompakt zusammenstellen und –fassen: Was jetzt schon möglich ist, ist Fragen nicht nur alleine auf die Spur zu gehen, sondern auch die Sichtweise und Erfahrungen anderer zu nutzen, die u. a. mit digitalen Möglichkeiten einfacher gemeinsam an Aufgabenstellungen arbeiten, gemeinsam Strukturierungen und Priorisierungen in überschaubaren Zeitfenstern umsetzen können. Denn natürlich brauchen Lern- und Forschungsprozesse weiter Zeit und intensive persönliche Auseinandersetzung – in der Diskussion wurde mehrfach betont wie wichtig Alltagsbezüge, Querverbindungen zu persönlichen Interessen in diesen Prozessen sind. Hoffmann animierte dazu, sich Curricula gründlich durchzusehen und auch über neue Formen von Studiengängen nachzudenken, die viel intensiver an individuellen Interessen und selbstständigen Auswählen sind.

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E-Teaching gestern – heute – morgen

Jutta Pauschenwein warf ebenfalls einen Blick auf die Geschichte des E-Learning, wie es ihr Lehren und Lernen beeinflusste. Ein wesentlicher Fokus dabei: Das kollaborative Arbeiten an Aufgaben, Fragestellungen, Dateien…

Sie betonte u. a., das E-Learning nicht nur Mut zum Ausprobieren braucht sondern auch die Bereitschaft von und mit den Lernenden gemeinsam zu lernen (siehe diese beiden Folien). Dazu gehört es ebenso, verschiedene Kommunikationsskanäle auszuprobieren – ein neuer Trend ist dabei die Plattform Slack. Pauschenwein erwähnte dabei, dass sich Arbeitsweisen und –zeiten von Lehrenden verändern können, etwa in dem sie auf Kommunikation in Online-Räumen auch zu unkonventionellen Zeiten reagieren. Dazu folgende Überlegungen:

  • Ja, digitale Medien ermöglichen zeitnahe Reaktionen. Und so lassen sich viele Probleme schon sehr frühzeitig erkennen und damit angehen.
  • Ja, das heißt manchmal auch des abends, nächtens, am Wochenende nicht nur mitzulesen, sondern auch ganz dringendes unmittelbar zu behandeln
  • Und es braucht auch Zeiten an denen ich mich – egal ob Lehrende/r oder Lernde/r – entscheide online nicht erreichbar zu sein. Sehr hilfreich ist, diese Zeiten zu kommunizieren und soweit möglich vorher anzukündigen.
  • Nein, ich habe nicht den Anspruch immer erreichbar sein – weder online, noch offline.
  • Viele Fragestellungen können (und sollen) auch von der Gruppe der Lernenden sehr gut alleine gelöst werden – teilweise in synchronen Settings, teils asycnchron auf- und miteinander reagierend

Unterstützen wollen wir noch Juttas Aufruf, E-Learning – sowie Lernen insgesamt – viel stärker in der Vernetztheit, im Austausch, in der gegenseitigen Rückmeldung mit anderen Lehrenden umzusetzen. Weiters betonte Sie die Wichtigkeit, dass auch Lernende online – sowie offline – verschiedenste Rollen austesten können, in Lernprozessen deutlich mehr als Objekte von noch so durchdachten und kompetenzorientierten Lernzeilen sind.

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Blended-learning-interaktiv

Der Beitrag von Heribert Popp (TH Deggendorf) zeigt einmal mehr, dass mit unterschiedlichen Definitionen von Lernszenarien letztlich sehr Ähnliches gemeint ist: Genausogut könnte sein Prozess der Weiterentwicklung von Lernformaten sowie der Gestaltung der Rolle als Lehrende/r unter der Überschrift des Inverted Claassroom Modells gestellt werden. Auch von diesem gibt es sehr unterschiedliche „Intensitäten“, wie die Kombination aus Online-Materialien, -Aufgaben, -Kommunikation und dialogorientierten Tun in Präsenzphasen umgesetzt werden kann bzw. wird.

Popp belegt einmal mehr, dass „Lehren“ deutlich mehr ist als bloßes Abspulen von Inhalten egal ob im Vortrag inclass oder über Videos. So bringt der Einsatz von Videos als „Ersatz“ von Präsenzvortrag zunächst keine Verbesserungen bei learning outcomes bzw. der Lernatmosphäre. Anders sieht es aus, wenn solche Videos interaktiver werden: also zum einen Fragestellungen bzw. Aufforderungen, etwas Auszuprobieren enthalten und zum anderen unmittelbar mit Aufgaben verbunden sind, bei denen Lernende auch automatisiertes unmittelbares Feedback bekommen.

Interessant ist Popps Ansatz, zur Motivation Lernender Daten aus den Learning Analytics zu verwenden.  Also „na no na net“ – Dinge visuell belegt: Wer sich intensiver mit Vorbereitungsmaterialien beschäftigt, wer damit verbundene Aufgabe und Assessments zeitnah umsetzt, hat deutlich bessere Chancen auf ein besseres learning outcome. Spannend ist dabei der Einsatz eines, wie es Popp nennt „Info – Cockpit“, wo Lernende ihren aktuellen Aktivitätslevel verfolgen können und dieser mit Wahrscheinlichkeitsdaten in Bezug auf Prüfungsleistungen verknüpft ist (Folie).

In seine Forschungen stellte Popp eine Verbesserung von learning outcomes vor allem auch bei ohnehin schon „guten“ Lernenden fest. Hier ist sicher ein ganz wichtiges Potential, ein Ausgangspunkt für Modelle aus dem Peer Learning und (Peer) Mentoring. Wobei dies weniger mit dem Thema Digitalisierung zu tun hat, sondern mit Strukturen, mit denen dies ermöglicht und umgesetzt wird.

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Kompetenzorientiertes E-Learning

Christiana Scholz (Competence Generation) unterstrich zunächst, dass sich Wissen nicht „vermitteln“ lässt. Ziel von Lehre sei zudem nicht das bloße Anlegen von ‚Wissensvorräten‘ sondern von Kompetenzen, Wissen in unterschiedlichen – auch so nicht planbaren – Situationen  anwenden zu können.

Gerade auch E-Learning Settings können Rollenflexibilität aller Beteiligten fördern. Lehren durch Lernen kann ebenso umgesetzt werden, wie verschiedene Formen von Peer Learning und Peer Mentoring. Auch Scholz unterstrich, dass eine Grundvoraussetzung dafür die Förderung der digital literacy der Lehrenden bzw. deren kontinuierliche Unterstützung bei der Umsetzung ist. Gleichzeitig wichtig ist, dass E-Learning nicht nur ein Begriff in Konzepten ist, sondern Teil einer gelebten und immer wieder Strategie der (Hoch)Schule ist.

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Aktivierung in Online Lernsetting

Auch Elske Ammenwerth (UMIT) betonte die Bedeutung von sozialen Interaktionen für das Lernen, gerade in Online-Settings. Aufgrund ihrer Erfahrungen müssen Lernaktivitäten dort – Etivities – einen authentischen Charakter haben also u. a. einen Bezug zu aktuellen Themen der Zeit zu realistischen Anwendungsfeldern des Wissens. Weiters sollten die Aufgaben immer auch gegenseitige Reflexion und kooperative Elemente enthalten, dazu kann ebenso Peer Assessment gehören. Ammenwerth betont zudem die Bedeutung von Metainformation: Also u. a. einen Überblick zur Lehrveranstaltung, Lernzielen, Workload…

Sehr wichtig ist zudem, Methoden und Zeit für das gegenseitige Kennenlernen einzuplanen. Dazu eine Bemerkung von uns: Dies gilt für jeder Gruppe, egal diese schon beisammen ist. Es gibt immer Aspekte, die Menschen so bislang voneinander nicht wissen und die gleichzeitig Bezüge zu den Inhalten der Lehrveranstaltung haben. Um den Lernprozess im Laufen zu halten empfiehlt Ammenwerth weiters eine wöchentliche Reflexion der Lernschritte – eine Maßnahme die auch offline viel Sinn macht und stiftet.

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MOOCS, warum nicht?

Christian Friedl (FH Joanneum) zeigte anhand einer Landkarte zunächst dass es in Bezug auf MOOCs auf der (ost)europäischen Landkarte  noch einige weiße Flecken gibt. Er präsentierte Ergebnisse aus einer Befragung von Unternehmen zu MOOCs. Eine wichtige Erkenntnis dabei: Obwohl es weltweit einige schöne Beispiele von corporate MOOCs gibt, haben viele für Human Ressources Zuständige noch nie von dieser Bildungsform gehört. Gleichzeitig wird ein hohes Potential und einiges an Luft nach oben bei internen Weiterbildung gesehen. Wobei diese Bildung möglichst einfach und flexibel von überall zugreifbar sein sollte. Als Potential von MOOCs in Unternehmen wird der Erfahrungs- und Informationsaustausch von Mitarbeitenden als großes Potential und Mehrwert gesehen. Ein Einsatzfeld könnte zudem Recruitig sein.

Als Vorteil von MOOCs gesehen wird, dass diese bis zu einem gewissen Grad skalierbar sind, und sehr viele Personen gleichzeitig teilnehmen können. Interessanterweise wird dem item „open for everyone“ in der Studie eine große Bedeutung zugewiesen. Was u. a. zu klären ist: Wie kann ein MOOC in Unternehmen gleichzeitig für Außenstehende ‚offen‘ im umfassenden Sinn sein und welche Vorteile kann das für alle Beteiligten bringen. Gleichzeitig geht es um eine Achtsamkeit in Bezug auf Betriebsgeheimnisse.

Als interessante Option wird weiters die Kooperation bei MOOCs mit Hochschulen wahrgenommen. (siehe auch diese beiden Folien).

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Author: cfreisleben

FH St. Pölten SKILL / Projekt inverted classroom Berater, Referent, Trainer, Journalist www.cfreisleben.net

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