Eindrücke & Impulse von der Flipped Classroom Convention, 30. 6. Berlin

Zunächst: Inverted und Flipped Classroom sind letztlich synonyme Begriffe, wobei letzterer eher im angloamerikanischen Raum zu finden ist und dort auch im tertiären Bereich verwendet ist, bzw. im deutschsprachigen Raum vorwiegend in der Schule.

Seit 2013 läuft das ambitionierte Projekt „flip your class“, bei dem drei Schulen in Berlin eingebunden sind und das heuer endete. Aus diesem Anlass fand in Berlin eine Flipped Classroom Convention statt mit 17 ReferentInnen sowie etwa 150 Teilnehmenden aus ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich – u. a. Christian F. Freisleben vom SKILL-Team. Schwerpunkt war der Schulbereich und: Das allermeiste dort Vorgestellte und Diskutierte stimmt / lässt sich auch auf den Hochschulbereich übertragen.

 

Konferenzdesign
Zunächst ein Blick auf das Design der Konferenz, das ebenso viele wertvolle Impulse für die Planung und Umsetzung von innovativer und dialogorientierter Lehre gibt:

Auf der Projekt-WebSite wurden zu allen Workshops verschiedenste Vorbereitungsmaterialien zur Verfügung gestellt: Sowohl Videos, als auch schriftliche Materialien und Links. Aus einigen Pausengesprächen bei denen sich Teilnehmenden über diese unterhielten sowie der Atmosphäre in den Workshops wurde deutlich, dass viele diese Impulse genutzt hatten. Weiters wurde vorab darum gebeten, Diskussions- und Fachfragen für die Eröffnungssession zu sammeln, was ebenso bemerkenswert intensiv genutzt wurde. (siehe dieses padlet, das im Nachgang mit Antworten ergänzt wurde)

cc_by_cfreisleben

Weiters zum Einsatz kamen Grundprinzipien aus der Herangehensweise des Lernlogbuchs: Sowohl auf A4-Blättern in der Tagungsmappe als auch auf einen liebevoll gestalteten Luftfächer fanden sich Impulsfragen sowie reichlich Raum, um Lernerfahrungen des Tages zu reflektieren, Literatur und neue Kontakte festzuhalten.

Am Ende der Konferenz brachte Christian F. Freisleben ImproImpulse ein – siehe diese Beschreibung einer sehr gelungenen Zusammenfassung, die auch Ergebnisse aus dem bewussten Reflektieren des Erlebten / Mitgestalteten aufgriff.

Ein in vielerlei Hinsicht lohender Besuch in Berlin – vielen Dank an das Vorbereitungsteam! Und an Lutz Berger für das nette Dokumentationsvideo.

 

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Der Einstieg in die Konferenz

Gestartet wurde mit dem Vier-Ecken-Spiel (siehe dieses Bild via Twitter), bei dem sich Teilnehmenden in kürzester Zeit einer Herkunftsregion, einem Hauptberufsfeld sowie einem geplanten Urlaubsziel zuordneten (dies ist eine Methode die dem Bereich der soziometrischen Übungen zuordenbar ist). Eine sehr einfache Möglichkeit um in allerkürzester Zeit viele Personen kennenzulernen, gleichzeitig ein sofortiges Aufbrechen des „üblichen“ Schemas: Input – lauschende Teilnehmende,

Auch in der Eröffnung der Konferenz wurde auf lange Erklärungen und Key-Notes bewusst verzichtet. Umgesetzt wurde ein Vorgangsweise, die viele spannende & wertvolle Impulse für die Art und Weise der Gestaltung von Präsenzphasen gibt: Julia Werner gab einen kurzen Einblick ins Projekt, Prof. Dr. Christian Spannagel (ebenso PH Heidelberg) wiederholte in wenigen Minuten die wesentlichsten Elemente des Flipped Classroom Konzepts. Dann kamen die vom Veranstaltungsteam ergänzten Fragen zum Einsatz, die via Beamer gezeigt wurden. Wobei die Antworten wiederum von verschiedenen Anwesenden kamen und diese auch weitere Fragen stellten (siehe diese Dokumentation als Video!). Es entstand so über eine Dreiviertelstunde ein sehr intensiver und tiefgehender Austausch. Somit ist dies ein Beispiel, das ich unter die Überschrift „learner generated content“ stellen möchte. Eine Teilnehmende brachte die auch von vielen zu hörenden Reaktionen auf den Punkt: „Der Auftakt der #fcc2016 macht Lust auf den Tag.“ Ein Aspekt aus dem Einstieg ist hier ebenso passend und wichtig: Bereiten sich Lernende vor und haben dabei möglichst viele Optionen selbst (mit)zugestalten, erhöht das die Wahrscheinlichkeit für echten Dialog sowie Interaktion, für forschendes Lernen, Lernen ganz im Sinn von „Deeper Learning“ (siehe dazu unseren Tag der Lehre am 19.10.17!). Ermöglicht, gestärkt und weiterentwickelt wird die Selbstwirksamkeit aller Beteiligten, die dann weit über das Geschehen in den Lernprozessen in (Hoch)Schule hinausgehen kann und soll. Gleichzeitig entstand so ein in mehrfacher Sinn gutes und inspirierendes Beispiel, wie die kostbare Präsenzzeit in Bildungssettings von allen gemeinsam genutzt & gestaltet werden kann.

Noch einige besonders spannende Inputs aus dieser Runde:

  • Was sich Lernende von Lernvideos wünschen mehr
  • Andreas Ott stellt inhaltlich mündlich und/oder schriftlich vor Lernvideo: Was müssen Nutzende können, um mit dem Video gut arbeiten zu können und schließt mit einer Zusammenfassung ab
  • Für Lehrende und Lernende ist es wichtig an einer neuen „Fehlerkultur“ zu arbeiten, also auch den Mut zu haben, etwas zu sagen, zu zeigen, zu erklären, selbst wenn man/frau sich unsicher ist
  • Im Fremdsprachenbereich (und natürlich auch bei anderen Fächern): Flipped / Inverted Classroom bewirkt, dass deutlich mehr Zeit da ist um tatsächlich zu sprechen (wobei dies auch Teil von Vorbereitungsaufgaben z. B. als gemeinsam mit anderen Lernenden produzierte Videos / Podcats sein kann)
  • Flipped / Inverted Classroom hilft dabei, auf gruppendynamische Prozesse einzugehen, eröffnet Räume für Reflexion & Praxistransfer
  • schafft auch neue Formen der Kooperation unter Lehrerenden (Wo / wie kann ich KollegInnen unterstützen?!)
  • Bei der Methode Gruppenpuzzle kann die erste Phase auch in der Zeit der Vorpräsenz umgesetzt werden

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Einblicke in Workshops

In vielen Schulen gibt es das Problem, das es kein W-Lan gibt oder gar – wie in bayrischen Schulen – explizit verboten ist. Auch in Hochschulen gibt es immer wieder Räume mit schlechtem oder gar keinen Empfang. Wolfgang Dukorn präsentierte eine Vorgangsweise, die nicht auch viele didaktisch wertvolle Anregungen gibt: Er setzt ein „hub“-System ein. Also ein Gerät, bei dem eine Speicherkarte eingesetzt werden kann und das eine Art W-Lan im Raum erzeugt, wobei es zunächst nur um Offline-Dateien geht. Teilnehmende greifen via QR-Codes oder durch Eingabe eines IP-Nummer auf Dateien in dieser „Offline-Datenwolke“ zu. Die vergleichsweise sehr kostengünstige Technik kann auch für die Lehre etwa in einem Außengelände oder bei einer Exkursion zum Einsatz kommen – und ist damit eine spannende Option für hybride Schnitzeljagden. Auch Lernende können selbst in die offline-Datenwolke Dateien hochladen.

Dukorn stellt Lernende nicht nur kurze und lange Texte zur Verfügung, sondern auch Bilder, kurze Videos und Worksheets – letztere enthalten weitere QR Codes, auch zu verschiedensten Onlinematerialien, die Lernende selbstständig zwischen Präsenzphasen bearbeiten / weiterentwickeln. Weiters zugänglich macht er im Unterricht / dazwischen selbst erstellte Html-Sites auf denen Inhalte zum Lernstoff in übersichtlicher Form aufbereitet sind.

Besonders spannend ist zudem folgender Ansatz von Dukorn: Eine Gruppe in mit etwa 30 Teilnehmenden wird geteilt; jede ‚Hälfte‘ setzt sich mit einem Subthema eines übergeordneten Themenblocks auseinander. In Präsenzphasen bilden sich dann Kleingruppen, bei denen sich Lernende gegenseitig die Inhalte erklären. Zudem setzt er Peer-Mentoring ein, Schüler und Schülerinnen helfen – ergänzend zum Support des Lehrenden – einander bei Schwierigkeiten und erklären sich nochmals Inhalte.

Felix Fähnrich und Carsten Thein setzen eine sehr facettenreiche Variante des Flipped classroom um: Ein Herzstück ist ein WordPress-Blog. Auf diesen finden Lernende neben verschiedensten schriftlichen Unterlagen auch Videos – alles verbunden mit Übungs- und Vorbereitungsaufgaben (z. B. Quizzes). Zum Einsatz kommen auch sehr schöne und gleichzeitig einfache Grafiken. Die Videos enthalten teils interaktive Elemente, eine weitere Besonderheit ist die Moderation in einer Doppelconference, bei der sich die beiden Lehrenden intensiv abwechseln und so eine gute dramaturgische Vielfalt unterstützt wird. Lernende erhalten den Auftrag, zu den Materialien innerhalb eines bestimmten Zeitraums jeweils zumindest eine Frage zu stellen, die sich von bereits Vorhandenen unterscheiden muss. Nach ersten Widerständen führte dieses System zu vielen neuen Inputs, v. a. auch, weil das Grundprinzip eingesetzt wird, dass auch andere Lernende vorhandene Fragen beantworten können. In der Präsenzphase werden aufbauend auf die Vorbereitungsmaterialien und –aufgaben individualisierte Aufgaben gegeben und in Kleingruppen gearbeitet. Weiters zum Einsatz kommt das Aktive Plenum. Als Audience Responsive System wird Plickers verwendet: Lernende halten QR-Codes hoch, wobei eine der vier „Seiten“ des Quadrats bewusst nach oben zeigt und damit die Antwort auf die gestellte Frage ist. Mit den Smartphone werden alle hochgehaltenen Karte in maximal 30 Sekunden erfasst und synchron die Ergebnisse sichtbar. Das System lässt bis zu 68 Teilnehmende zu, Bei noch größeren Gruppen könnte mit zwei Sets an Karten gearbeitet werden.

Fähnrich und Thein werden weiters einen kostenpflichtigen Messengerdienst für eine Intensivierung der Kommunikation mit SchülerInnen testen. Die Idee: Eine Kommunikationsform nutzen, die für diese gewohnt ist und gleichzeitig in einem ‚geschlossenen‘ Raum stattfindet, also Nachrichten nur im Klassensystem sichtbar bleiben.

Spannend noch: Sie motivierten Lernenden als Rückmeldung halbseitige Feedbacks zu schrieben statt den oft üblichen Fragebögen – das Ergebnis waren ausführliche und konstruktive Hinweise.

Dirk Weidmann gibt Lernenden den Auftrag, selbst Videos zu erstellen – eine Vorgangsweise, die schon in der Anfangsrunde angesprochen wurde und auch in anderen Workshops immer wieder Thema war (nochmals der Verweis auf den Beitrag zu „learner generated content“. Er bietet dazu eine Art Canvas an, die bei der Planung unterstützt.

Oft verwiesen wurde bei der Konferenz auf die open source Online Software H5P mit der auch von unerfahrenen Nutzenden sehr einfach interaktive Videos erstellt werden können.

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Author: cfreisleben

FH St. Pölten SKILL / Projekt inverted classroom Berater, Referent, Trainer, Journalist www.cfreisleben.net

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