Eindrücke vom E-Learning-Tag Bern

Dialogausgerichtetes Konferenzdesign und einige inhaltliche Erkenntnisse

Der E-Learning-Tag in Bern war ein Beispiel, wie sich eine Konferenz designen lässt, die hochschuldidaktische Aspekte nicht nur zum Inhalt hat, sondern bei der ebenso auf Ebene der Formate innovative und dialogorientierte Optionen gelebt werden.

Zu nennen sind zunächst die Vorinformationen, die vorab zu den Workshops gegeben wurden. Dies war insofern vielleicht etwas einfacher, da die Zielgruppe ausschließlich Lehrende der BFH Bern waren, die sich über das Intranet anmeldeten und so eine etablierte Kommunikationsstruktur und -kultur genutzt werden konnte. Eingerichtet wurde auch ein Moodle-Kurs mit allen Vorbereitungsmaterialien, Hinweisen zu den nötigen Vorbereitungsschritten zum  sowie mit Mail-Pushnachrichten zu allen Schritten der Konferenz.

Dabei erfolgte wie schon beschrieben auch eine Anmeldung zu einem von sechs Workshops. Auf den Namensschildern war dann nicht nur Name sowie das Department zu finden sondern ebenso Workshopnummer und -raum.

Im Raum der Anmeldung standen auch Flipcharts mit A1-Plakaten zu den geplanten Schritten des Video-Parcours sowie Hinweise zu kommende Weiterbildungsveranstaltungen zum Thema.

Für den gelungenen Einstieg in die Konferenz wurde ein kurzes Video aus den 60er Jahren gewählt, in dem dessen MacherInnen eine Vision von E-Learning zu entwickeln. Nach angenehm kurzen Begrüßungsworten des Rektors – der sich sichtlich mit den Inhalten des Tages beschäftigt hatte – startete schon der „Video-Parcours“:

Alle Teilnehmenden erhielten bei der Anmeldung eine färbige Karte mit einer Zahl, die für den Seminarraum stand. So entstanden Gruppen mit etwa je 10 Personen. Alle erhielten ein einfaches Storyboard, sowie einen Schritt-für-Schritt-Ablauf für den Parcours, wobei betont wurde: Es sind zwei medienaffine Begleitende im Raum – diese helfen explizit bei technischen Problemen, gearbeitet werden sollte so eigenständig wie möglich in Tandems – entstehen sollten zwei Videos.

Auf Moodle zur Verfügung stand eine Camtasia-Vorlage (Teilnehmende waren eingeladen worden ein Endgerät mit installierten Camtasia mitzubringen) mit Baubinden, Call-Outs sowie einer einfachen Intro- und Outrosequenz. Mit einem eigenen Endgerät wurden dann zwei Statements aufgenommen, die den Alltag an der BFH sowie die dort umgesetzten Schwerpunkte behandelten. Eingefügt wurde dazwischen ein Foto des eigenen Arbeitsplatzes (des Gebäudes).

Abschließend wurden die entstandenen Videos noch in die persönlichen Ordner der Teilnehmenden hochgeladen (Wobei es noch schön gewesen wäre, zumindest einige Ausschnitte für alle Teilnehmende sichtbar zu machen…).

Es folgte dann eine Keynote mit Dr. Sandra Schön (Link zu ihren Folien).Besonders hängen geblieben ist bei mir u. a.: Ausschnitte aus Lehrveranstaltungsaufzeichnungen als Schnipsel / Teile eigener Lernvideos verwenden (z. B. solche die zu #WYLTKMT zum Thema Physik zu finden sind, wobei es hier auch um die Frage didaktischer Interventionen gehen kann); Videos als Vorbereitung von Experimenten und Laborsituationen; Videos können auch in Präsenzveranstaltungen zum Einsatz kommen (aus meiner Sicht; ja, wenn diese wirklich kurz und knackig sind); Hinweis auf die vielen Potentiale von Live-Online Konferenzen mit verschiedensten ExpertInnen aus der ganzen Welt; Studierende erstellen selber Videos wobei der Effekt lernen durch lehren eintritt; Hinweis auf die vielen Potentiale, die 360 Grad Videos bieten können.

Der nächste Schritt waren wie schon beschrieben sechs Workshops wobei diese, soweit ich dies den Beschreibungen, Mini-Pitches davor und einigen Berichten Teilnehmender entnehmen konnte tatsächlich solche waren, der Schwerpunkt also auf Anwendung, Vertiefung und Diskussion lag (siehe dazu auch die Dokumentation des von mir begleitenden Workshops zu Flipped Classroom).

Daran angeschlossen war eine Session, bei der sich die Lehrenden der Departments trafen und über Erkenntnisse des Tages sowie Schlussfolgerungen dazu austauschten. Ich durfte bei jenem des Department Soziale Arbeit dabei sein. Gearbeitet wurde dort zunächst in Murmelgruppen, deren Ergebnisse auf Zuruf dann in einem Padlet gesammelt wurden. Der zweite Schritt war die Arbeit in Kleingruppen aus Teilnehmenden der verschiedenen Workshops zu Fragen wie: War das Erlebte relevant / hilfreich? Werden Sie es selbst in der Lehre einsetzen? Welche Unterstützung benötigen Sie dazu?

In meiner Erinnerung am stärksten geblieben sind dabei folgende Aussagen / Erkenntnisse:

  • Das Format des Parcours führt dazu, dass innerhalb von einer sehr überschaubaren Zeit eine Herangehensweise umgesetzt wird – hier die Produktion eines Videos. Die klare Struktur und gute Vorbereitung trug dazu bei, dass die meisten Teilnehmenden dabei ein Erfolgserlebnis hatten sowie gleichzeitig ihre Fähigkeiten im Umgang mit der Erstellung eines Videos inkl. dem Umgang mit verschiedenen Endgeräten weiterentwickelten. Ein solches Format würde sich auch für andere Methoden anbieten sowie ebenso für bestimmte Sequenzen in Lehrveranstaltungen mit Studierenden.
  • Herangehensweisen und Methoden des Flipped Classroom sind in vieler Hinsicht auch auf andere Felder übertragbar: Etwa auf die Art und Weise wie interne Weiterbildungen gestaltet werden, wie sich Personen auf Sitzungen vorbereiten und auch wie Forschende und „Beforschte“ sich auf Forschungsprozesse vorbereiten können, um sich an / bei diesen so intensiv wie möglich beteiligen können (inkl. Formulierung von Forschungsanliegen und -designs)

 

ImproImpulse als Motor für ein Workshop zu Flipped Classroom

Cerstin Mahlow (Hochschuldidaktik an der Berner Fachhochschule) hat mich als Gestalter eines Workshops zu Flipped Classroom (ist ein synonymes Wort für Inverted Classroom) am E-Learning Tag der BFH Bern eingeladen (Danke für das Vertrauen!).

Hier das didaktische Design, das ich bewusst mit Methoden gestaltet habe, die so – mit anderen Überschriften / Vorgaben – auch in der Weiterbildung für Lehrende sowie für alle Fachrichtungen mit/für Studierende zum Einsatz kommen können, um die Potentiale des Inverted Classroom Modells in ihrer ganzen Bandbreite zu nutzen. Weiters waren die Methoden so ausgerichtet, dass Teilnehmende hier Vorerfahrungen, explizites / implizites Vorwissen und Vorbereitung möglichst einfach einbringen sowie anwenden konnten bzw. Beiträge von allen Teilnehmenden möglichst einfach zugreifbar und sichtbar waren. Hilfreich waren dabei gerade auch Methoden der Angewandten Improvisation.

Alle Teilnehmenden des E-Learning-Tages wurden darum gebeten, sich vorab für einen der Workshops anzumelden und erhielten – auch für meinen – Workshop Vorbereitungsmaterialien und -bitten. Meine lauteten:

Bewusst gewählt habe ich eine Sitz“ordnung“ mit Tischinseln, also vier Tischen mit je vier Sesseln rundherum – als Unterstützung für das kollaborative Arbeitssetting. Bereit lagen dort auch Stifte und A4-Papier. Vorbereitet hatte ich zudem ein Etherpad sowie ein Google Fotoalbum, das so konfiguriert war, dass auch Außenstehende Fotos beitragen konnten. Ich startete dann mit einer mündlichen Übersicht zum Ablauf.

Dann wandte ich assoziatives Zeichnen an, so dass alle Teilnehmenden innerhalb von drei Minuten ein Bild anfertigten zur Frage: „Was ist in einer Lehrveranstaltung, die am Flipped Classroom ausgerichtet ist anders, als bei einer die das nicht ist? Woran ist zu merken, dass hier Flipped Classroom umgesetzt wird?“ Die Teilnehmenden ergänzten dann wie hier beschrieben das eigene Bild noch mit einem grafischen Element, dass sie bei der Zeichnung eines/einer NachbarIn wahrgenommen hatten. (Details zur Methode hier) Diese fertigen Bilder wurden von den Teilnehmenden selbst digitalisiert und in das Google Fotoalbum eingebracht.

Ergänzend wurden die Tandems darum gebeten, für jedes Bild eine Überschrift aus ein bis drei Worten zu finden im Buchstabe-für-Buchstabe-Modus (jede/r bringt abwechselnd einen Buchstaben ein, wobei vorher die Sprache für diese Assoziationsmethode vereinbart wurde – siehe diese allgemeine Beschreibung zu Wort-Assoziationsspielen). Diese Überschriften wurden von den Teilnehmenden in das Etherpad eingetragen, wobei dieses über den Beamer gleichzeitig sichtbar war. Es entstanden folgende Ergebnisse:

Collaborative, Mitenand (Miteinander), CHAOS, PROFIL, Superlernen, Birne füllen, Hausaufgabe zuhause machen, Verbannung von Frontalunterricht, Verantwortung, Intrinsisch, Interesse bunt, vertikal und offen

Anhand eines Blickes auf diese sowie auf die Bilder betonte ich, dass Flipped Classroom eine sehr breite und vielfältige Methode ist. Essentielle Säulen sind – ausgehend von einer kompetenzorientierten Ausrichtung –  der gezielte Einsatz von Vorbereitungsmaterialien (natürlich nicht nur Videos!), die mit Aufgabenstellungen und/oder Assessments verknüpft sind (die beide wiederum in vielen Fällen im Sinn von formativen Assessment Auswirkungen auf eine Gesamtnote haben). Dies bewirkt eine Selbstermächtigung der Lernenden, die viel stärker den eigenen Lernprozess selbstständig und individuell gestalten, sich sehr aktiv in einen gemeinsamen Dialog einbringen können. Dieser wird auch in der Präsenzphase durch vielfältige Methoden gefördert sowie diese zeitnahe reflektiert: Es wird also sowohl das didaktische Design insgesamt besprochen, als auch einzelne Methoden, welche Erfahrungen bei deren Umsetzung gemacht wurden und wie sie in anderen Feldern umsetzbar sind. Gleichzeitig wird ebenso über fachliche und überfachliche Kompetenzen reflektiert, die durch die Methoden und Inhalte dieser Lehrveranstaltung (wieder) wahrnehmbar und/oder gebildet bzw. weiterentwickelt werden.

An dieser Stelle eine Antwort, die ich ganz am Ende des Workshops gegeben habe auf die Frage: „Wie mache ich dass, dass sich nicht nur die üblichen Verdächtigen beteiligen?“: Immer wieder – also auch in selbstständigen Lernphasen – Methoden, die Einzelarbeit, die Kollaboration in ständig neuen Tandems, Triaden und Kleingruppen initiieren, begleiten, dokumentieren. Und Förderung von selbstständigen Lernen, von dem ausgehend Studierende mit Materialien, Fragen, dialogorientierten Präsentationen und einer großen Portion an Selbstsicherheit und Stolz mitgestalten.

Im Debriefing zum assoziativen Zeichnen wurde erwähnt, das Bilder eine Art universelle Sprache sind, die sehr offen ist, Erklärungen von den Gestaltenden braucht und auch dann einen breiten Raum für Interpretation sowie Inspiration bieten.

Danach kam der „Chaosgenerator“ zum Einsatz zur Frage: „Wie schaffen wir es, den Erfolg des Flipped Classroom in einzelnen Lehrveranstaltungen und darüber hinaus mit allen erdenklichen Mitteln zu verhindern, ja zu boykottieren?“. Hier einige Aussagen dazu, wobei ich mich auf jene konzentriert habe, bei denen die Teilnehmenden in einer zweiten Phase (siehe weitere Infos zur Methode) einen Punkt dazu gemacht haben als Antwort zur Frage „Genau diese Strategie / dieses Verhalten habe ich schon erlebt oder selbst umgesetzt“:

Filme die rauschen mit schlechten oder unverständlichen Ton, unklarer Zusammenhang zwischen den eingesetzten Lernmitteln und Methoden, Kein Zusammenhang zwischen Vorbereitungsaufgäben und Aktivitäten in Präsenzphasen, fehlerhafte Links, kein roter Faden durch die Lehrveranstaltung, ewig lange Texte ohne weitere Hinweise zur Vorbereitung zur Verfügung stellen, unklare Aufgabenstellungen, zu kompliziert, direktives Vorgehen, Über- und Unterforderung, Redundanz, IT-Chaos…

Daran angeschlossen habe ich eine Phase mit der Haltung „Ja, genau“ (Details), um gemeinsam Ideen zu sammeln, wie denn nun Flipped Classroom gelingen kann. Hier war der Enthusiasmus der Beitragenden und die Menge der Beiträge etwas zurückhaltender – „Wenn ich darüber nachdenke, tauchen bei mir viel stärker die vielen möglichen Probleme und Schwierigkeiten auf“, formulierte es ein Teilnehmender. Entstanden sind u. a. folgende Ideen: Offenheit, Kreativität zulassen, gute technische Voraussetzungen / Infrastruktur, Mut zur Lücke, Vertrauen, Neugierde, Mut, Gelassenheit, social skills, Umwege gehen um zu neuen Erkenntnissen zu kommen, Dynamik, gemeinsame Verantwortung für Lernprozesse, Studierende mit Spaß & Notenrelevanz von Aufgabenstellungen zur Vorbereitung motivieren, IT-Support gelegentlich zum Abendessen einladen, zwei Gruppen dokumentieren ihren Arbeitsprozess mit Videos und machen daraus gemeinsam ein Video, Studierende entwickeln selbst kompetenzorientierte Prüfungsfragen, ein gutes Arbeitsklima aufbauen

An diese Phase habe ich die oben schon erwähnte Fragerunde angeschlossen. Diskutiert wurde hier u. a. die Frage des Einsatzes des Google Fotoalbums aus zwei Perspektiven: Die Daten liegen auf einem Server in den USA und genaugenommen, habe ich mit den Teilnehmenden nicht explizit darüber kommuniziert, was es bedeutet wenn Bilder von Fotos und vom Gruppenprozess mit einem Kurzlink verfügbar gemacht wurden. Theoretisch könnte argumentiert werden: Wer hier hinauflädt ist sich der möglichen Konsequenzen bewusst, gleichzeitig wichtig gewesen wäre eine Vereinbarung in Bezug auf Vertraulichkeit und was vom Gesammelten auch nach außen dringen soll oder darf. Mit einem Teilnehmenden habe ich Anschluss noch die Option disutiert, ob ein solches Album auch mit Moodle (Daten auf Server der BFH Bern; Zugriff nur mit Password sowie für ausgewählte Personen, hier z. B. Teilnehmende Konferenz). Es gibt zwar zB mit der Moodle-Datenbank eine kollaborative Option, synchrones Tun lässt dies aber nur sehr bedingt zu. Spannend wäre eine einfache und intuitive Applikation die z. B. mit Moodle zusammenarbeitet sowie ebenso Daten von einem Smartphone verarbeiten kann.

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Author: Redaktion

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