Innovative Lehre sichtbar machen #6: Let’s talk about diversity!

Kritisches Diversitäts-Bewusstsein lernen und vermitteln

Im Rahmen der Initiative „Innovative Lehre sichtbar machen“ werden im Sommersemester 2019  im SKILL-Blog laufend Good Practice Beispiele aus allen Departments der FH St. Pölten präsentiert.

Heute wird die LV „Diversität und Gesellschaft“ aus dem Bachelorstudiengang Soziale Arbeit vorgestellt, die durch eine große Vielfalt an Zugängen zur Thematik besticht und u.a. eine internationale Studienreise und die aktive Mitgestaltung des „Diversity Days“ der Stadt St. Pölten beinhaltet. Die LV wird von Michaela Moser und Eva Grigori konzipiert und umgesetzt.

Die Entwicklung von kritischem Diversitätsbewusstsein gehört – auch im Zusammenhang mit internationalen Entwicklungen – zu den zentralen Herausforderungen im Rahmen des Bachelor-Studiums Sozialer Arbeit und kommt dementsprechend in unterschiedlichen Lehrveranstaltungen und mehreren Semestern zur Sprache. Wichtige Grundlagen vermittelt die im zweiten Semester angesiedelte – recht umfangreiche (3SWS/7ETCS) – Lehrveranstaltung „Diversität und Gesellschaft“, die auch eine, teilweise selbst organisierte, Studienreise umfasst.

Ziel der Lehrveranstaltung, die für die Gruppe der Vollzeitstudierenden von Eva Grigori und Michaela Moser angeboten wird, ist es, einen Überblick über wichtige Themen und Entwicklungen, relevante Fakten, Daten, Theorien, zentrale Begriffe und Definitionen, Ansätze und Konzepte (z.B. Gender, Diversität, Intersektionalität, Interkulturalität, …) zu geben, darüber hinaus aber auch deren Bedeutung für Theorie und Praxis Sozialer Arbeit zu reflektieren, damit diese sowohl in späteren Forschungsprojekten als auch im Hinblick auf entsprechende Handlungsoptionen in der Praxis angewandt werden können.

Begriffspatentschaften, Power-Flower, Vorurteils-Speed-Dating – Gelebte Vielfalt auch in den Methoden

Die Anforderung neben der Vermittlung von Theorien und Kenntnissen auch Erfahrungswissen zu aktivieren, zur Reflexion eigener Einstellungen und Haltungen anzuregen und nicht zuletzt einen kritischen Umgang mit eigenen und fremden Privilegien und Benachteiligungen im Zusammenspiel von individueller Lebenslage und strukturellen Machtverhältnisse zu entwickeln, erfordert eine Vielfalt an Lehr- und Lernmethoden.

Von Beginn an wird dabei großer Wert auf selbstorganisiertes Lernen gelegt, etwa durch die Übung „Begriffspatentschaften“ in der ersten Unterrichtseinheit, in der die Studierenden aufgefordert sind, Definitionen von für die Lehrveranstaltung zentralen Begriffe in Gruppen zu erarbeiten und einander vorzustellen.

Zur Auseinandersetzung mit eigenen und gesellschaftlichen Privilegien und Diskriminierungen regen u.a. Übungen wie das Ausfüllen der sogenannten „Power-Flower“ zu unterschiedlichen Diversitäts-Aspekten und ein „Vorurteils-Speed-Dating“ an, wo es darum geht, zunächst gängige Vorurteile auf kleine Zettel zu schreiben, um diese dann später in kurzen Zweiergesprächen zu „verteidigen“ bzw. „dagegen zu reden“. Gerade letztere Übung ist dann auch ein sehr guter Einstieg zur vertieften Auseinandersetzung mit Themen wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus u.a. Formen der Diskriminierung und den verschiedenen Möglichkeiten, diesen entgegenzutreten.

Highlight 1: Das Museum der politischen Frauenbewegung

Zu den Highlights der Lehrveranstaltung zählt immer wieder das am 8. März stattfindende „Museum der politischen Frauenbewegung“. Die Methode „Museum“ geht auf eine Anregung der Erwachsenenbildnerin Barbara Messer zurück (vgl. Messer, Barbara: Inhalte merkwürdig vermitteln, Weinheim: Beltz 2016)   und soll zur Recherche zu einem bestimmten Thema, aber auch zu Überlegungen zu dessen Vermittlung anregen. Im konkreten Fall werden die Studierenden aufgefordert im Vorfeld des Internationalen Frauentags Materialien zu Frauentag, Frauenbewegung, Feminismus aus Geschichte und Gegenwart zu recherchieren und dazu passende Objekte (Zeitungsartikel, Bücher, Plakate, Flugblätter, Dokumente, aber auch Dinge wie Schürzen, Sanitärprodukte u.v.m. ) mitzubringen. Aus den mitgebrachten Dingen, die durch eine Auswahl an von den Lehrveranstaltungsleiter*innen mitgebrachten Büchern und Materialien ergänzt werden, werden in Kleingruppen kleine „Ausstellungen“ zur Geschichte der politischen Frauenbewegungen erstellt. Dabei sollen zentrales Anliegen und Botschaft überlegt und eine ansprechende Form der Vermittlung gewählt werden.

Im zweiten Teil der mehrstündigen Lehrveranstaltungseinheit erfolgt der gegenseitige „Ausstellungs“-Besuch, sowie eine abschließende Reflexion. Dabei kommt es zu einer ebenso breiten wie vertiefenden Auseinandersetzung mit zentralen Themen der Frauenbewegung, die durch Inputs der Lehrenden zur Geschichte feministischer Theorien und Praxen ergänzt wird.

Highlight 2: Mitgestaltung des „Tags der Diversität“

Ein zweites Highlight der Lehrveranstaltung stellt die Mitgestaltung des vom städtischen Diversitätsbüro alljährlich veranstalteten Tag der Diversität (am St. Pöltener Rathausplatz bzw. bei Schlechtwetter im Stadtmuseum) dar.  An diesem Tag stellen sich unterschiedliche mit Diversitätsthemen befassten Organisationen und Initiativen der Stadt vor und richten dabei kurze Input- und Workshop- bzw. Bewusstseinsbildungsangebote an vor allem Schüler*innen unterschiedlichen Alters, die den Tag als Teil des Unterrichts besuchen. Aber auch die interessierte Öffentlichkeit soll angesprochen werden, wobei der Zulauf durch erwachsenen Besucher leider meist eher klein bleibt.

Seit zwei Jahren wird das Programm dieses Tages von durch die Studierenden der Diversity-Lehrveranstaltung gestaltete „Stationen“ ergänzt, die auf unterschiedliche – und zuvor in der Lehrveranstaltung behandelte  – Diversitätsaspekte aufmerksam machen. Dabei sind die Studierenden herausgefordert, die gewählten Themen so zu präsentieren, dass sie Besucher*innen von 9 bis 99 Jahren ansprechend wichtige Fakten und Aspekte vermitteln. Zu den heuer behandelten Themen gehörten dabei u.a. allgemeine Infos und Quizfragen zu Diskriminierung, Fakten und Daten zu verschiedenen Familienformen, ein Hijab-Workshop, geschlechterstereotypes Spielzeug, zum Gender Pay Gap und anderen Benachteiligungen am Arbeitsplatz.

Erstmals wurde die Beteiligung am Tag der Diversität heuer auch durch drei Studentinnen der Medienwirtschaft ergänzt, die sich freiwillig um eine bessere Bewerbung des Tages, nicht zuletzt via Social Media bemühten und gemeinsam mit den Studierenden Sozialer Arbeit sogar ein eigenes „Logo“ entwickelten.

Zur Vorbereitung auf die Beiträge zum Tag der Diversität und zur Vertiefung der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Diversitätsthemen sind die Studierenden verpflichtet, im Laufe der Lehrveranstaltung auch eine Rezension zu einem thematisch passenden Film oder Roman, eine Glosse bzw. einen Kommentar zu einem selbst gewählten Diversitätsthema zu verfassen und einen kleinen theoretischen Essay basierende auf 3 Fachartikeln zu schreiben.

…und dann noch die Studienreise…

Zusätzlich bereichert wird die Lehrveranstaltung durch eine teilweise selbst organisierte Studienreise bzw. die Teilnahme an einer International University Week einer Partnerhochschule im Ausland. Auch dorthin wird die Aufgabe „mitgenommen“ als „Diversity-Scout“ entsprechende Projekte zu besuchen und anschließend eine Reportage in schriftlicher oder audio(visueller) zu gestalten und so eine weitere Form des Zugangs und der Auseinandersetzung mit dem Thema kennen zu lernen.

Vielfalt, so wird hoffentlich deutlich, spielt im Rahmen der Lehrveranstaltung also auf vielerlei Weisen eine Rolle und wird auf unterschiedlichsten Ebenen erprobt und eingeübt. Die Anforderungen sind hoch, der „Gewinn“ im Sinne von lang anhaltenden Einsichten und der Reflexion eigener und fremder Haltungen, sowie der Entwicklung von Strategien für einen kritisch-bewussten Umgang mit Diversität, hoffentlich auch.

 

 

 

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Author: Josef Weißenböck

Leiter des Kompetenzzentrums für Hochschuldidaktik "SKILL" an der FH St. Pölten seit 2008. Aufbau des hochschuldidaktischen Fortbildungs- u. Beratungsangebotes, Entwicklung des Lehrgangs zum “Zertifikat hochschuldidaktische Kompetenz” und der Vernetzungsveranstaltung “Tag der Lehre”. Inhaltliche Schwerpunkte: Didaktisches Design, Student Centered Learning, Blended Learning, aktivierende Lehrmethoden und Peer Learning als Strategie didaktischer Kompetenzentwicklung.

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