Innovative Lehre sichtbar machen #8: Erlebte interprofessionelle Zusammenarbeit

Im Rahmen der Initiative „Innovative Lehre sichtbar machen werden im SKILL-Blog laufend Good Practice Beispiele aus allen Departments der FH St. Pölten präsentiert.

In diesem Beitrag wird die LV „Interdisziplinäre Kommunikation / Case Management (PHC, freiberuflich, institutionell)“ aus dem Bachelorstudiengang Physiotherapie vorgestellt, die im Wintersemester 2019 bereits zum dritten Mal stattfindet.

Das Konzept für die Lehrveranstaltung wurde 2017 von Anita Kidritsch und Kerstin Lampel erstellt und erstmalig durchgeführt; in diesem Wintersemester wird sie von Miriam Wagner und Kerstin Lampel umgesetzt.  Im November 2019 wird das Konzept der Lehrveranstaltung auch auf der Dreiländertagung des Vereins zur Förderung der Wissenschaft in den Gesundheitsberufen (VFWG) an der hsg Bochum in Form eines Kurzvortrags mit dem Titel „Physiotherapie-Studierenden interprofessionelle Zusammenarbeit lehren“ präsentiert.

Laut Definition der WHO arbeiten Angehörige verschiedener Gesundheitsberufe dann interprofessionell zusammen, wenn sie gemeinsam umfassende Leistungen für PatientInnen, deren Angehörige und die Gemeinschaft erbringen. Je frühzeitiger diese Kompetenz erworben wird –  idealerweise bereits während der Ausbildung – umso effektiver erfolgt die interprofessionelle Zusammenarbeit. Die Studierenden des Studiengangs Physiotherapie haben bereits während ihrer Praktika im dritten und fünften Semester die Möglichkeit die Tätigkeitsbereiche verschiedener Berufsgruppen kennenzulernen und erste Erfahrungen im Austausch mit den verschiedenen AkteurInnen im Gesundheitssystem zu sammeln. Die Lehrveranstaltung „Interdisziplinäre Kommunikation“ soll ihnen ermöglichen, diese Erfahrungen aufzugreifen, zu reflektieren und durch neue Angebote zu vertiefen.

Dazu ist die Lehrveranstaltung in eine Vor- und Nachbereitungsphase gegliedert, die jeweils aus Präsenzterminen und Aufgaben im Selbststudium bestehen. Dazwischen finden an je zwei Halbtagen Exkursionen zu verschiedenen Einrichtungen im Gesundheitssystem statt.

Abbildung 1: Ablauf der Lehrveranstaltung "Interdisziplinäre Kommunikation"

  

Vorbereitungsphase

In der Vorbereitungsphase werden in drei Lehrveranstaltungseinheiten mit dem gesamten Jahrgang (rund 40 TeilnehmerInnen) aktuelle Themen in der Gesundheitspolitik aufgegriffen und gemeinsam diskutiert. In den letzten Jahren standen hier vor allem das Thema der Primary Health Care, die Rolle der verschiedenen Gesundheitsberufe im Konzept der Primärversorgungszentren, aber auch der Direktzugang zur Physiotherapie (Direct Access) und andere berufspolitische Themen im Vordergrund.

Einen weiteren Schwerpunkt stellt ein Vortrag von Stefan Rottensteiner (Department Gesundheit, Studiengang Gesundheits- und Krankenpflege) dar, in dem die Grundlagen des Case & Care Managements vermittelt werden. Abschließend werden gemeinsam mit den Studierenden Begriffe sowie relevante Strukturen und Prozesse für interprofessionelles Arbeiten erarbeitet und das physiotherapeutische Kompetenzprofil besprochen. Dieses Kompetenzprofil, das 2016 vom Berufsverband Physio Austria veröffentlicht wurde, beschreibt – dargestellt in sieben Rollen – die Herausforderungen und erforderlichen Kompetenzen für den Berufseinstieg als PhysiotherapeutIn.

Anhand dieses Kompetenzprofils reflektieren die Studierenden in der Nachbereitung der Lehrveranstaltung beispielsweise in welchen Rollen sie bereits Erfahrungen sammeln konnten, wo sie ihre Stärken als PhysiotherapeutIn einschätzen und wo sie für sich selbst in unmittelbarer Zukunft Entwicklungspotential sehen. Zusätzlich recherchieren sie im Selbststudium – nach der selbstständigen Einteilung zu zwei von vier Exkursionsstandorten – die Rahmenbedingungen der besuchten Institutionen (z.B.: Angebot, Ziele, Anforderungen an dort tätige TherapeutInnen, Berufsbilder der vertretenen Gesundheitsberufe).

Exkursionen zu verschiedenen Einrichtungen im Gesundheitssystem

In der zweiten Phase der Lehrveranstaltung erhalten die Studierenden Einblick in verschiedene Einrichtungen und damit auch unterschiedliche interprofessionelle Settings. Dazu werden an jeweils zwei Halbtagen Exkursionen zu vier innovativen Standorten angeboten. Bei der Auswahl des Exkursionsangebots wird auf unterschiedliche Behandlungsschwerpunkte als auch Organisationsformen Wert gelegt.

Im letzten Jahr boten beispielsweise die Physiotherapeutin und Absolventin Claudia Zimmel und Birgit Ehrenhofer-Krickl (ärztliche Leiterin) im Lebens.Med Zentrum St. Pölten einen Einblick in die Möglichkeiten der ambulanten Rehabilitation in den Bereichen Orthopädie, Kardiologie, Stoffwechsel, Neurologie, Pulmologie und Onkologie. Anhand eines PatientInnenbeispiels wurde der Verlauf der Rehabilitation – von den ersten Untersuchungen bis hin zur „Entlassung“ – dargestellt.

Abbildung 2 Studierende des 5. Semesters im Lebens.Med Zentrum St. Pölten im Jahr 2017| Copyright: FH St. Pölten / Kerstin Lampel

Bei der Firma Pohlig Austria erhielten die Studierenden einen Einblick in die Schnittstellen zwischen Orthopädietechnik und Physiotherapie. Die freiberufliche Physiotherapeutin Michaela Hiebl und die Orthopädietechniker-Meister Michal Musil und Manfred Gatterer zeigten dazu am Beispiel Skoliose, welche Ziele beide Berufsgruppen in der Versorgung der PatientInnen setzen und welche Schnittstellen beziehungsweise Möglichkeiten der Zusammenarbeit sich daraus ergeben.

Am Universitätsklinikum St. Pölten konnten die Studierenden den Arbeitsalltag eines Physiotherapeuten sowie die interprofessionelle Zusammenarbeit auf einer Intensivstation kennenlernen. Der Physiotherapeut Markus Gram, selbst Absolvent der Fachhochschule St. Pölten, erklärte zunächst die wichtigsten Aspekte der Arbeit auf einer Intensivstation. Im Anschluss konnten sich die Studierenden im Zuge einer Besichtigung der Intensivstationen selbst ein Bild über die Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen machen.

In der Therapie-Praxis Stadtwald St. Pölten zeigten die Ergotherapeutin Irene Elmer und die Physiotherapeutin Daniela Koch am Fallbeispiel eines Patienten nach Schlaganfall die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit von freiberuflichen TherapeutInnen in einer interdisziplinären Gemeinschaftspraxis. Ebenso wurden in diesem Setting die Erfahrungen und Herausforderungen bei der Gründung einer Therapiepraxis – von der Budgetplanung über die Baubewilligung und  -vorschriften bis zu den Marketingaktivitäten – mit den Studierenden geteilt.

Abbildung 3 Studierende des 5. Semesters mit ErgotherapeutInnen Georg und Irene Elmer im Jahr 2017| Copyright: FH St. Pölten / Kerstin Lampel

Nachbereitungsphase

In der abschließenden Lehrveranstaltungsphase werden die Erfahrungen aus den Exkursionen zunächst wieder im Selbststudium nachbereitet. Dazu reflektieren die Studierenden mithilfe vorgegebener Fragestellungen beispielsweise welche Kompetenzen von PhysiotherapeutInnen am jeweiligen Standort beobachtet werden konnten, welche Schnittstellen zu anderen Berufsgruppen erlebt wurden und welche Strukturen und Prozesse das Case Management in der besuchten Einrichtung charakterisieren. Diese Themen werden – gemeinsam mit der Frage welche Strukturen an den verschiedenen Standorten interprofessionelle Zusammenarbeit fördern – in einer letzten Lehrveranstaltungseinheit zunächst nochmals in Kleingruppen aufgearbeitet und anschließend in der Gesamtgruppe diskutiert.

Das Feedback der Studierenden zu dieser Lehrveranstaltung war in den letzten Jahren sehr positiv – vor allem die Exkursionen zu den verschiedenen Standorten wurden als besondere Bereicherung beschrieben. Neben dem fachlichen Input zu den ausgewählten Krankheitsbildern wurde vor allem der Einblick in die Organisationsstrukturen als sehr wertvoll evaluiert. Ermöglicht wurde das gute Gelingen nicht zuletzt auch durch ein Zusammenwirken zahlreicher Lehrender aus verschiedenen Berufsgruppen und weiterer Mitwirkender an den Exkursionsorten, denen an dieser Stelle nochmals ein besonderes Dankeschön gilt.

Fazit

Zusammengefasst soll die Lehrveranstaltung „Interdisziplinäre Kommunikation“ den Studierenden ermöglichen ein Selbstverständnis für interprofessionelle Zusammenarbeit, welche letztendlich den PatientInnen ein ganzheitliches und nachhaltiges Genesungskonzept anbietet, zu entwickeln und die Implementierung in das zukünftige berufliche Handeln anregen.

In den kommenden Wochen werden weitere inspirierende Lehrprojekte aus allen Departments der FH auf Teamwork und auf dem SKILL-Blog präsentiert.

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Author: Josef Weißenböck

Leiter des Kompetenzzentrums für Hochschuldidaktik "SKILL" an der FH St. Pölten seit 2008. Aufbau des hochschuldidaktischen Fortbildungs- u. Beratungsangebotes, Entwicklung des Lehrgangs zum “Zertifikat hochschuldidaktische Kompetenz” und der Vernetzungsveranstaltung “Tag der Lehre”. Inhaltliche Schwerpunkte: Didaktisches Design, Student Centered Learning, Blended Learning, aktivierende Lehrmethoden und Peer Learning als Strategie didaktischer Kompetenzentwicklung.

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